Der Körper kann uns mit seltsamen Auswüchsen unangenehm überraschen. Ein Augenlid, das regelmäßig zu zittern beginnt, lokaler Haarausfall oder unerklärlicher Juckreiz. Heute: Lipödem.
Hosenweite 44, Taillenweite 38. Bei Lipödemen ist ein Unterschied von drei Kleidergrößen keine Ausnahme. Die Erkrankung ist chronisch, unansehnlich, schmerzhaft, einschränkend und wird oft übersehen, sagt Dermatologe Hajo Bruining von der Resculpt Clinic.
Bei Lipödemen zeigen die Fettzellen in den Beinen und manchmal auch in den Armen ab der Pubertät ein abnormales Wachstum, was die Bewegung erschwert. Mit der Zeit kann auch die Haut unregelmäßig werden und Schmerzen verursachen. „Es ist besonders empfindlich bei Druck, Berührung und abrupten Bewegungen, zum Beispiel beim Sport. Es kann schon schmerzhaft sein, wenn jemand aus Spaß in Ihr Bein kneift. Oft bleibt dann auch ein blauer Fleck zurück, denn Frauen mit Lipödem bekommen leicht blaue Flecken.“
Es tritt nur bei Frauen auf. „Es scheint, als ob mit dem Verbrennungsmotor dieser Fettzellen etwas nicht stimmt.“ Laut Bruining wird Lipödem oft vom Arzt nicht erkannt. Frauen, die sich beim Hausarzt melden, erhalten den Rat, sich mehr zu bewegen und weniger zu essen. Also abzunehmen, obwohl das die Beschwerden nicht lindert. Das Jojo-Effekt verschlimmert die Fettschwellung sogar, sagt Bruining. „Ich erkläre es immer so: Es ist eine Art Ventil an einer Fettzelle. Es geht zwar hinein, aber es kommt nicht mehr so leicht wieder heraus.“
Er rät den Patienten dennoch zu viel Bewegung. Schwimmen oder Radfahren, vor allem Sportarten, bei denen Arme und Beine wenig Belastung ausgesetzt sind. Der Ernährungsberater wird empfehlen, wenig Kohlenhydrate zu essen. Da Patienten mit dieser Erkrankung häufig auch unter Lymphflüssigkeit in den Beinen leiden, werden Stützstrümpfe eingesetzt.
Aber auch manuelle Lymphdrainage (Entfernung der Flüssigkeit durch Handmassage) oder pneumatische Kompressionstherapie, bei der Luftmanschetten um das Bein die Flüssigkeit an eine Stelle massieren, wo der Körper sie leichter abtransportieren kann.
Eingreifender, aber wesentlich effektiver ist Liposuktion örtlicher Betäubung, sagt Bruining. „Dabei wird der größte Teil des Lipödemfetts entfernt. Das Fett bleibt weg. Wenn man nicht zunimmt, kann man jahrzehntelang davon profitieren.“
MALIKA SEVIL